FC Thun steht als Aufsteiger vor dem Meistertitel in der Schweiz
Was einst dem 1. FC Kaiserslautern gelang, könnte nun auch dem FC Thun gelingen: Als Aufsteiger steht der Klub aus dem Berner Oberland überraschend vor dem Meistertitel in der Schweiz.
10.04.2026 | 13:18 Uhr
Es wäre ein Fußballmärchen, wie es die Bundesliga in der Saison 1997/98 mit den Roten Teufeln erlebt hat.
Von Mika Collien Nestler
Vom Nobody zum Meister.
In der Schweiz spielt sich derzeit eine Geschichte ab, die wohl jeden Fußballromantiker begeistern wird. Eine kleine Stadt im Berner Oberland sorgt dort für ordentlich Furore.
"Unser Ziel war es als Aufsteiger in den Top sechs zu stehen. Und dort sind wir.", schmunzelt Trainer Lustrinelli.
Die Rede ist vom FC Thun, einem Klub aus der Schweizer Super League. Doch noch nicht lange gehört der Verein der Schweizer Fußball-Elite an. Den Aufstieg aus der zweiten Liga schaffte Thun erst in der vergangenen Saison.
In der Spielzeit 2024/25 setzte sich der Klub dominant gegen die Konkurrenz durch und sicherte sich bereits vier Spieltage vor Schluss die Zweitligameisterschaft. Zuvor war Thun 2020 abgestiegen und lange am Wiederaufstieg gescheitert. 2021 und 2024 verpassten sie den Sprung zurück jeweils in der Relegation. Erst im vergangenen Jahr folgte die Erlösung: die Rückkehr ins Schweizer Oberhaus.
Geschichte geprägt von Problemen
Doch der jetzige Erfolg war lange keine Selbstverständlichkeit. Über die Jahre leistete sich der Verein und dessen Team mehrere Fauxpas. 2007 waren mehrere Spieler in einen Sexskandal verwickelt, bei dem zwei Profis wegen sexueller Handlungen mit einer Minderjährigen verurteilt wurden. 2016 wurden zudem Vorwürfe gegen drei Spieler wegen Vergewaltigung erhoben, die später allerdings fallen gelassen wurden.
Auch finanziell stand der Klub immer wieder unter Druck. Zwischenzeitlich drohte sogar die Anmeldung von Konkurs. Um die nötigen Lizenzen zu sichern, müsste sich der Verein ein Überbrückungskredit bei der Stadiongenossenschaft einholen - eigentlich vorgesehen für die Renovierung ihrer Stockhorn Arena.
Dann der Umschwung: Thun steigt auf - und steht nun mit großer Wahrscheinlichkeit vor dem Gewinn der Schweizer Meisterschaft.
Architekt: Mauro Lustrinelli
Architekt dieses Erfolges ist Trainer Mauro Lustrinelli, der selbst einst als Spieler bei Thun unter Vertrag stand. Als Coach sammelte er zuvor Erfahrungen bei der Schweizer U21-Nationalmannschaft sowie als Co-Trainer unter Urs Fischer. Bei Thuns bis dato größtem Erfolg der Vizemeisterschaft 2004/05 sprang mit der gewonnenen Qualifikation gegen Malmö sogar ein Champions-League-Platz heraus. In der Königsklasse stand kein geringerer aus Lustrinelli selbst für die Thuner auf dem Rasen.
"Lustrinelli zeichnet aus, dass er eine klare Spielidee hat. Die will er jeden Tag, in jedem Spiel, in jeder Übung umsetzen und das konsequent. Darum können wir auch nie nachlassen, er verlangt sehr viel Energie und Power. Das zeichnet ihn auch als Menschen aus, dass er mit sehr viel Leidenschaft und Energie dabei ist. Er lebt es uns vor und wir probieren es auf den Platz zu bringen", erklärt der 32-Jährige Vize-Kapitän Leonardo Bertone.
Nun führt er den Klub möglicherweise zum größten Erfolg der Vereinsgeschichte. Mit zwölf Punkten Abstand auf Verfolger St. Gallen führt der Berner Oberlandsklub klar die Tabellen an. Der Meistertitel scheint nur noch eine Frage der Zeit. Bei noch sechs ausstehenden Spielen reichen sieben Punkte, um sich aus eigener Kraft die Schweizer Krone aufzusetzen.
"Die Spielweise von Thun und Lustrinelli ist relativ gradlinig und offensiv. Sie spielen nicht nur erfolgreichen, sondern auch attraktiven Fußball", erklärt Sky Sport Reporter Dennis Bayer. Entsprechend wenig überraschend ist es, dass in der Vergangenheit auch Bundesliga-Klubs Interesse an dem 50-jährigen Coach zeigten - bislang jedoch ohne Erfolg.
„Diese Saison ist wunderschön, fantastisch und historisch", beschreibt Lustrinelli selbst in wenigen Worten.
Beständig und attraktiv
Das Erfolgsrezept? Beständigkeit. Nach dem Aufstieg blieb der Kern der Mannschaft weitgehend bestehen, auch Trainer Lustrinelli ist bereits seit 2022 im Amt. Kapitän Marco Bürki - Bruder von Ex-BVB-Keeper Roman Bürki - gehört seit 2021 zum Team. Auch der deutsche Linksverteidiger und ehemaliger Juniorennationalspieler Dominik Franke ist schon seit 2023 beim Klub am Thunersee. Vorher war er beim FC Ingolstadt, dem VfL Wolfsburg und dem SV Wehen Wiesbaden aktiv.
Ex-HSV-Spieler Vasilije Janjicic spielt ebenfalls seit 2023 beim FC Thun, stand davor schon in der Schweiz beim FC Zürich auf dem Platz. Der 22-jährige Noah Rupp wechselte als Leihgabe vom Karlsruher SC in die Kleinstadt und wird voraussichtlich nach Saisonende nach Deutschland zurückkehren. Die eingespielte Struktur zahlt sich aus, was sich auch an den 72 erzielten Treffern zeigt, Bestwert der Liga. Und das als frischer Aufsteiger.
Eine Geschichte, die stark in die des 1. FC Kaiserslautern erinnert. Auch die Roten Teufel erlebten in der Saison 1997/98 den Traum eines jenen Fußballfans und gewannen als Aufsteiger sensationell den Meisterschaftstitel. Bis heute eine Geschichte mit Gänsehaut-Flair.
„Bald können wir hoffentlich den Vergleich zu Kaiserslautern ziehen. Wenn wir das Ziel erreicht haben. Kaiserslautern war auch ein Team und hat als Team etwas Grandioses gemacht", zieht der Thuner Trainer den Vergleich.
"Der damalige Kapitän Ciriaco Sforza war ein Schweizer Nationalspieler. In seiner ersten Station als Trainer bei FC Luzern war ich dort Spieler. Ich erinnere mich, dass war darüber ab und zu geredet haben.", erzählt Lustrinelli lachend. "Es ist schon, dass ich eine Person kennengelernt habe, die das geschafft hat".
Blick auf Zukunft
Das Interesse an Trainer Lustrinelli würde sich durch die Meisterschaft wohl deutlich intensivieren. Einen Schweizer Trainer mit Erfolg zu verpflichten, hat sich in der Bundesliga in den letzten Jahren fast immer als eine gute Idee entpuppt.
Jetzt steht der Verein vor dem ersten Meistertitel seiner Geschichte. Und der Blick voraus geht bereits weiter: Mit dem Titel würde sich auch die Tür zur Champions League wieder öffnen. Bereits Ende April könnte die Entscheidung im Meisterkampf fallen, wenn Thun am 25.4. den FC Lugano empfängt.
Kaiserslautern 2.0. Es wäre ein wahres Fußball-Märchen.
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