Lothar Matthäus über DFB, Julian Nagelsmann, Manuel Neuer und Oliver Baumann
Der Sky Sport Experte findet es "vernünftig, richtig und verantwortungsbewusst", dass der Bundestrainer Manuel Neuer in die Nationalmannschaft zurückholen will. Kritik übt der Rekord-Nationalspieler an der Kommunikation seitens des DFB.
18.05.2026 | 22:13 Uhr
Auch der Zeitpunkt der DFB-Kadernominierung ist Matthäus ein Dorn im Auge.
Manuel Neuer ist für mich nach wie vor der beste deutsche Torhüter. Das hat er in großen und entscheidenden Spielen immer wieder bewiesen - genau solche Partien gibt es auch bei einer Weltmeisterschaft. Deswegen finde ich es vernünftig, richtig und verantwortungsbewusst, dass Julian Nagelsmann über Neuers Rückkehr in die Nationalmannschaft nachdenkt.
Rein sportlich ist diese Überlegung für mich absolut nachvollziehbar. Was mir allerdings nicht gefällt, ist die Art und Weise der Kommunikation.
Nagelsmann ist einen Weg gegangen, der für ihn vielleicht der richtige war, aber unnötige Diskussionen ausgelöst hat. Dabei mache ich ihm persönlich keinen Vorwurf - das Thema betrifft den gesamten DFB. Dort arbeiten erfahrene Verantwortliche. Solche Situationen hätte man frühzeitig vermeiden müssen.
Man hätte früher mit Baumann sprechen können
Man hätte schon vor Wochen oder Monaten mit Oliver Baumann sprechen und ihm sagen können: "Du bist meine Nummer 1, aber wenn Manuel Neuer Leistung bringt und gesund bleibt, dann wirst du auch verstehen, dass wir ihn mitnehmen wollen. Denn wir haben die Verantwortung, für Deutschland die besten Spieler mitzunehmen." Das wäre ehrlich und transparent gewesen.
Stattdessen habe ich gehört, dass es in der vergangenen Woche ein Gespräch zwischen Nagelsmann und Neuer gab. Mit Neuer wurde also kommuniziert - mit Baumann hingegen offenbar nicht. Das überrascht mich besonders, da Nagelsmann bereits in Hoffenheim mit ihm zusammengearbeitet hat.
Baumann selbst sagte am Samstag, ihm sei zuvor zugesichert worden, die Nummer eins zu sein. Das zeigt: Bis zu diesem Zeitpunkt war er nicht über mögliche Änderungen informiert.
Baumann hat mit starken Leistungen maßgeblich dazu beigetragen, dass sich Deutschland für die WM qualifiziert hat - das hat auch Nagelsmann betont. Umso überraschender ist nun diese späte Kehrtwende, nur eine Woche vor der Nominierung.
Auch Nagelsmanns Auftritt im Aktuellen Sportstudio hat wenig zur Klärung beigetragen. Ehrlich gesagt, habe ich genau das erwartet. Wenn bereits im Tagesverlauf keine klare Linie erkennbar war, konnte man am Abend kaum eindeutige Aussagen erwarten.
Darum ist der Zeitpunkt der Kader-Bekanntgabe ungünstig
Was den Zeitpunkt der Kadernominierung betrifft, hätte man diese nicht auf den Donnerstag nach dem Europa-League-Finale, sondern besser auf den Sonntag nach dem DFB-Pokalendspiel legen sollen.
Von den Freiburger Spielern kommt nur Matthias Ginter für das DFB-Team infrage, bei Stuttgart stehen am Samstag sieben, acht Spieler auf dem Platz, die alle schon einmal in die Nationalelf hineingeschnuppert haben. Diese Spieler haben das DFB-Thema im Hinterkopf. Es war schon in der Vergangenheit so, dass der VfB nicht über den Zeitpunkt der Kaderbekanntgabe erfreut war.
Zu meiner Zeit gab es im Vorfeld einer WM keine Diskussionen über die Kaderbenennung. Man hat abgewartet bis zum letzten Spiel. Wir kamen damals am Samstagabend aus der Disko nach Hause und haben aus dem Aktuellen Sportstudio erfahren, ob wir dabei sind oder nicht. Franz Beckenbauer hatte vor der WM 1986 vier Spieler nach Hause schicken müssen, 1990 hat er es besser gemacht.
Man sollte aus Fehlern lernen und vor allem Respekt gegenüber den Spielern haben.
Was, wenn sich Neuer verletzt?
Der DFB hat sich über Monate hinweg klar zu Baumann bekannt. Was aber, wenn sich Neuer kurz vor der WM oder während der Vorbereitung verletzt? Dann wäre Baumann wieder gefragt.
Ich gehe davon aus, dass Baumann auch als Nummer zwei mit zur WM fahren würde. Er ist ein verlässlicher und starker Backup. Dennoch bleibt die Situation unnötig kompliziert.
Am Ende ist Nagelsmann der Bundestrainer. Er muss entscheiden, welches System er spielen will und welche Spieler dafür die besten Optionen sind. Mir geht es mehr um die zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen einem Trainer und einem Spieler.
Mehr Miteinander statt Unruhe
Gleichzeitig wird immer wieder betont, dass ganz Deutschland hinter der Nationalmannschaft stehen soll. Dann erwarte ich aber auch eine offene und ehrliche Kommunikation. Es geht um Klarheit, mehr nicht. Fußballfans haben irgendwo ein Recht darauf zu verstehen, warum Entscheidungen getroffen werden.
Das Thema hat für viel Unruhe und Unverständnis gesorgt. Ein stärkeres Miteinander wäre wünschenswert - doch genau das scheint heute oft zu kurz zu kommen.
Die Probleme sind jetzt da. Wie sie am Donnerstag offiziell gelöst werden, bleibt abzuwarten. Ich glaube, der DFB muss einige Scherben aufkehren, für die er selbst gesorgt hat.
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