Simon Terodde über Schalke, Aufsteiger und Absteiger aus der 2. Liga
Schalkes Aufstiegsheld von 2022 spricht im Interview über den Aufstiegs-Matchball der Königlichen gegen Düsseldorf (Sa., ab 20:30 Uhr live auf Sky Sport und im Liveticker), seine Erinnerungen an den Platzsturm gegen St. Pauli und die Verdienste von Kenan Karaman.
01.05.2026 | 22:22 Uhr
Terodde erklärt, wo sich Schalke für die kommende Saison verstärken muss und tippt die Auf- und Absteiger aus der 2. Liga.
Sky Sport: Schalke 04 kann mit einem Sieg am Samstag gegen Düsseldorf (ab 20:30 Uhr live auf Sky Sport und im Liveticker) aufsteigen. Werden wir königsblauen Jubel erleben?
Simon Terodde: Schalke hat es in der eigenen Hand und wird es schaffen. Es gibt Gesetze im Fußball, die werden nicht gebrochen. Wenn du so ein Heimspiel hast und gewinnen musst, wirst du es auch gewinnen. Das ist bitter für Fortuna, aber die Düsseldorfer haben ein Spiel vor der Brust, das sie nicht gewinnen können.
Sky Sport: Was zeichnet Schalke in dieser Saison aus?
Terodde: Sie haben in Paderborn einen 0:2-Rückstand in einen 3:2-Sieg gedreht. Sie haben so eine gute Mentalität in der Truppe, man hat das Gefühl, sie sind nicht aufzuhalten. Sie haben es als einzige Mannschaft geschafft, auch nach kleinen Durststrecken immer wieder sofort auf die Siegerstraße zu gelangen. Es gab keine wirkliche Krise, das ist ihre ganz große Stärke. Sie haben mit Karius, Becker, Schallenberg, Karaman und am Ende auch mit Dzeko eine Achse von Spielern mit sehr viel Erfahrung. Schalke war immer unter den Top 3, die Euphorie war immer da. Ich war oft als Sky Sport Experte bei Heimspielen vor Ort, was da für eine Wucht entstanden ist, das ist phänomenal. Die Fans sind der zwölfte Mann, es ist so viel Energie im Stadion und das bekommen die Gegner immer wieder zu spüren.
Sky Sport: Sie waren beim letzten Aufstieg 2021/22 als Spieler dabei und haben im entscheidenden Spiel gegen St. Pauli zwei Tore erzielt. Welche Erinnerungen haben Sie?
Terodde: Wir hatten damals auch ein Heimspiel, 60.000 Fans im Stadion, Samstagabend, Flutlicht. Du kannst dich den ganzen Tag darauf vorbereiten, du spürst das Kribbeln. Ich werde es nie vergessen. Wir sind auf den Platz gelaufen, in der Arena war es so laut wie noch nie. Wir lagen dann zwar 0:2 hinten, aber in der Halbzeitpause haben wir uns gesagt: "Wir gewinnen dieses Spiel!" Und wir haben noch 3:2 gewonnen. Das sind magische Nächte, die man sich als Spieler nicht nehmen lassen will, und so werden auch die Schalke-Profis das Spiel gegen Fortuna angehen. Sie werden die Trainingswoche genießen, jeder will dabei sein. Ich kann nur jeden beglückwünschen, der eine Karte hat. Schalke wird am Samstag den Aufstieg fix machen, davon bin ich überzeugt.
Sky Sport: Vor drei Jahren gab es nach dem Sieg gegen St. Pauli einen Platzsturm. Fans saßen auf den Toren und haben Stücke aus dem Rasen herausgeschnitten. Es gab auch Verletzte. Wie haben Sie das damals erlebt?
Terodde: Man hat schon ab der 85. Minute gemerkt, was auf den Rängen los war. Ich erinnere mich nur daran, dass ich nach dem Schlusspfiff auf den Boden gefallen bin und fünf Sekunden später waren die Fans da und haben mich auf Händen getragen. Damals haben wir erst später mitbekommen, dass es Krankenwageneinsätze gab. Ich verstehe, dass die Fans viel mitgemacht haben und schnell auf den Rasen und sich Souvenirs mitnehmen wollen, aber für die Spieler wäre es auch schön, wenn sie die ersten Minuten gemeinsam als Mannschaft erleben können. Ich hoffe, dass alles in geordneten Bahnen stattfinden wird und dass es keine Verletzten gibt.
Sky Sport: Kenan Karaman ist in dieser Saison immer als Führungsspieler vorangegangen. Sie haben noch mit ihm zusammengespielt. Wo ordnen Sie ihn in den Reihen der Schalker Größen ein?
Terodde: Es gibt in Vereinen immer verschiedene Abschnitte. Schalke hat lange in der Champions League gespielt, aber von den vergangenen fünf Jahren war der Klub vier Jahre in der 2. Liga. Wir haben zusammen gegen den Abstieg gespielt, das war sehr intensiv. Kenan hat es sogar noch ein zweites Jahr mitgemacht. Er hat den Verein in den letzten Jahren auf dem Rücken getragen wie einen schweren Kühlschrank. Seine Vertragsverlängerung war ein wichtiges Zeichen an den ganzen Klub und das Umfeld, dass da einer ist, der anpacken will.
Jeder kann sich an seine emotionale Kabinenansprache im Dezember 2024 gegen Paderborn erinnern. Er hat sich nie weggeduckt, sondern sich immer wieder gestellt. Als er in der Bundesligasaison mal nicht im Kader war, hat er nie gemeckert, sondern sich voll reingehängt und in die Herzen der Fans gespielt. Seine Leistungen auf dem Platz sprechen für sich und mit seiner ruhigen Art zeigt er seine Führungsstärke. Ich habe öfters Kontakt zu ihm, wir sehen uns bei den Spielen. Es freut mich persönlich für ihn, dass er so etwas jetzt erleben darf. Die gesamte Entwicklung, die der Verein vom Abstiegskampf bis zum Aufstieg vollzogen hat, kann man nicht hoch genug bewerten. Schalke ist ein Riesenschiff, da ist so viel Druck drauf. Dabei mental so stabil zu bleiben, ist der größte Erfolg von Kenan.
Sky Sport: Was muss Schalke in der Bundesliga anders machen als beim letzten Aufstieg, damit es nicht gleich wieder runter geht?
Terodde: Nach unserem Aufstieg wollte Mike Büskens nicht mehr weitermachen und wir wussten gar nicht, wer in der neuen Saison unser Training leitet. Nach langer Suche war es dann Frank Kramer. Jetzt sind die Voraussetzungen ganz anders. Schalke hat gute Leute in der Vorstandsebene und in der sportlichen Leitung mit Frank Baumann an der Spitze. Karaman hat letztes Jahr gesagt: "Alles steht und fällt mit dem Trainer." Baumann hat mit Miron Muslic einen Chefcoach gefunden, der mit seiner Spielart zu Schalke passt. Das war ganz entscheidend. Muslic hat eine stabile Achse, einen Stamm erfahrener Spieler und der Verein kann jetzt schon Transfers planen.
Sky Sport: Wo muss Schalke sich verstärken, was sind die größten Baustellen im Kader?
Terodde: Sie werden nicht blauäugig in die neue Saison gehen. Außer für das Tor, da sind sie mit Loris Karius und Kevin Müller gut aufgestellt, werden sie Spieler für jeden Mannschaftsteil verpflichten müssen. Das wird nötig sein, denn in der Bundesliga wird Schalke auf eine ganz andere Qualität treffen. Es wäre elementar, Moussa Ndiaye fest verpflichten zu können. Der ist allerdings ohne Kaufoption vom RSC Anderlecht ausgeliehen. Auf der linken Abwehrseite sind sie mit Vitalie Becker gut aufgestellt, aber auf der rechten Seite muss auch noch etwas geschehen.
Sky Sport: Die spannendste Personalie ist Edin Dzeko. Wird er mit Schalke in die Bundesliga gehen?
Terodde: Ich würde es mir wünschen. Ich liebe den Spieler. Er ist top professionell und es ist unglaublich, welchen Input er der Mannschaft mit 40 Jahren noch gibt. In der Bundesliga wird eine andere Rolle auf ihn zukommen, aber Muslic braucht einen Spieler, der groß ist, der Bälle für seine Teamkollegen ablegen kann und der Tore schießt. Er ist ein Landsmann des Trainers, die beiden haben ein gutes Verhältnis und ich kann mir gut vorstellen, dass es noch ein Jahr mit Dzeko weitergeht.
Sky Sport: Wer wird zusammen mit Schalke direkt aufsteigen?
Terodde: Hannover hat viele gute Spiele gemacht, sie aber nicht gewonnen. Am Wochenende haben sie in Karlsruhe eine durchschnittliche Leistung gezeigt, aber in der 82. Minute den Führungstreffer erzielt und am Ende 3:1 gewonnen. Sie sind die beste Rückrundenmannschaft und haben noch zwei Heimspiele. Eine bessere Ausgangsposition wird 96 in den nächsten Jahren nicht mehr bekommen. Sie werden noch sieben bis neun Punkte holen und als Zweiter aufsteigen.
Sky Sport: Und wer erreicht die Relegation?
Terodde: Ich glaube nicht, dass Paderborn noch sieben Punkte holt. Sie spielen am Samstag in Elversberg und zum Schluss noch in Darmstadt. Ich glaube, dass Paderborn noch von Platz zwei auf Rang vier abrutscht und Elversberg die Relegation erreicht.
Sky Sport: Hertha war bei den meisten Experten der große Favorit. Warum hat es nicht gereicht?
Terodde: Sie haben es in den Heimspielen vermasselt. Wenn du in 16 Heimspielen nur fünf Siege holst, hast du keinen Anspruch auf den Aufstieg. Wichtig wird sein, dass Stefan Leitl als Trainer weitermachen wird, damit kein Vakuum entsteht. Dann greifen die Berliner in der nächsten Saison wieder an.
Sky Sport: Ab Platz elf beginnt der Abstiegskampf, es sind nur sechs Punkte bis Platz 17. Wer rettet sich, wen erwischt es?
Terodde: Wenn du wie Preußen Münster nur acht Punkte in der Rückrunde holst, reicht es nicht für den Klassenerhalt. Sie stehen als Absteiger so gut wie fest. Ich sehe auch Düsseldorf und Fürth stark gefährdet. Ich fand es mutig von Fortuna, Alexander Ende als Trainer zu holen. Ich hätte eher mit einem erfahrenen Feuerwehrmann wie Friedhelm Funkel gerechnet. Wenn du wie Fürth in 31 Spielen 65 Gegentore kassierst, musst du dich nicht wundern, wenn du auf Platz 17 stehst. Sie haben zwar am letzten Spieltag das Heimspiel gegen Düsseldorf, aber ich glaube, dass Fürth absteigt und Fortuna die Relegation erreicht.
Das Interview führte Thorsten Mesch
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