Christian Streich bei Sky Sport über FIFA, Infantino, Klopp, Nagelsmann, DFB, Freiburg
Christian Streich ist anlässlich des 20-jährigen Trainingslager-Jubiläums des SC Freiburg zurück im österreichischen Schruns. Am Rande der Veranstaltung nahm er sich noch ausführlich Zeit für ein Gespräch mit Sky Sport.
31.07.2026 | 15:24 Uhr
Streich attackiert dabei Gianni Infantino und kritisiert die Pläne der FIFA scharf. Auch zu einem möglichen Comeback an der Seitenlinie äußert sich der Kult-Trainer.
Christian Streich ...
... über die Rückkehr nach Schruns: "Es fühlt sich an wie nach Hause kommen. Ich bin hier gefühlt im Montafon seit 30 Jahren, weil ich auch mit der A-Jugend schon in der Nähe von Schruns war. Es ist einfach schön, die Leute zu treffen, mit denen wir so viel zusammengearbeitet haben."
... darüber, dass der SC Freiburg schon zum 20. Mal in Schruns sein Trainingslager abhält: "Das sagt schon etwas aus. Es sagt aus, wie gut wir betreut sind und wie die Menschen uns hier helfen, aber es sagt auch ein bisschen etwas über den SC Freiburg aus. Es ist ein Geben und Nehmen. Schruns und Freiburg haben einfach etwas Gemeinsames."
... über seinen ersten Trainingsbesuch am Donnerstag bei den Profis seit zwei Jahren: "Ich habe mit vielen Spielern so viele Erinnerungen. Ich habe Spieler wie Christian Günter oder auch Matthias Ginter über zwölf Jahre betreut und die anderen dann auch acht, neun Jahre. Da hat man sehr viele Erinnerungen. Es war sehr schön, die Jungs zu treffen. Ich war in den zwei Jahren, seitdem ich weg bin, bisher nie auf dem Trainingsplatz, wenn die Jungs trainiert haben, weil ich sie in Ruhe lassen wollte. Jetzt mit dem Abstand und den Erfolgen, die die Mannschaft gefeiert hat, bin ich einfach der ehemalige Trainer und damit hat es sich."
... über die jüngsten Erfolge der Freiburger mit dem Einzug ins Europa-League-Finale und dem DFB-Pokal-Halbfinale: "Ich war mir sicher, dass es mit Julian Schuster Erfolg geben wird. Aber man kann ja nicht prognostizieren, dass Freiburg ins Europa-League-Finale kommt. Das sind außergewöhnliche Erfolge."
Witzige Streich-Anekdote
... über die Entwicklung in Freiburg: "Ich habe letztes Jahr zu Julian Schuster gesagt: 'Julian, Europapokal ganz am Anfang ist gut, aber du musst jetzt nicht gleich in die Champions League kommen, wenn ich weg bin. Dann war das letzte Spiel gegen Eintracht Frankfurt. Mit einem Sieg wären sie in der Champions League gewesen. Und dann kommen schon Gedanken auf. Ich war 29 Jahre da und wir haben auch zwei-, dreimal am letzten Spieltag um die Champions League gespielt. Jetzt arbeiten die Hunde aber so gut, dass sie in die Champions League kommen und ich bin gerade ein Jahr draußen. Das ist die Wahrheit. Ich dachte, es ist gut, wenn er in die Champions League kommt. Alles in Ordnung. Ich freue mich, aber Europa League reicht auch. (lacht) Beim SC Freiburg arbeiten so gute Leute. Auch in der Fußballschule. Und deshalb ist der Erfolg da."
... ob er in Julian Schuster den jüngeren Christian Streich sieht: "Nein. Wir sind schon auch anders. In vielen grundsätzlichen Bereichen des Fußballs und im Umgang mit Menschen haben wir aber sehr ähnliche Auffassungen. Und das hilft. Julian war ein herausragender Kapitän für mich. Wir sind beide besessen vom Fußball und dieses Spiel zu durchdringen. Er konnte sich als Verbindungstrainer über die Jahre viel abschauen und jetzt in seiner Zeit verbessern. Und das hat er gemacht."
... ob der nächste Schritt des SC Freiburg nun ein Titel wäre: "Bei uns wird nicht über Titel gesprochen. Darüber wurde noch nie gesprochen. Man arbeitet so, dass man irgendwann dahin kommen kann. 2022 waren wir ganz kurz davor, den DFB-Pokal zu gewinnen. Es war fast schon tragisch. Dann kann man nicht sagen, dass Freiburg noch nicht bereit ist für einen Titel. Wir hätten einen Titel erreichen können. Es geht aber nicht darum, darüber zu sprechen. Es ist nicht programmierbar."
"Wünsche mir, dass die Gier in manchen Bereichen weniger wird"
... über den DFB: "Mir hat nicht gefallen, wie mit Julian Nagelsmann umgegangen worden ist. Ich wünsche mir Menschen in der Führung bei uns in allen Bereichen, die nicht auf jeder Bühne erscheinen müssen. Ich wünsche mir Leute, die sich nur um das Kerngeschäft Fußball kümmern und die anderen Sachen Nebensachen sein lassen. Ich möchte auf die Leute nicht näher draufeingehen. Aber es wäre sehr schön, wenn sie sich darüber näher Gedanken machen würden. Egal ob man Bundestrainer oder DFB-Vorstand ist, man ist ein großes Vorbild - auch für unsere Kinder, für die Jugendlichen, für alle Menschen. Ich wünsche mir, dass die Gier in manchen Bereichen weniger wird. Das wäre sehr schön. Dass es nicht nur um Geld geht, sondern auch um andere Sachen."
... ob er Jürgen Klopp als neuen Bundestrainer zutraut, das alles zu managen: "Ich hoffe, dass er diese Vorbildfunktion in diesen Bereichen auch miterfüllt."
... ob er bezüglich einer Funktion mit dem DFB mal Kontakt hatte: "Ich hatte mit Hannes Wolf (Nachwuchs-Direktor;Anm.d.Red.) mal Kontakt. Wir haben gemeinsam an einem Projekt gearbeitet. Das war total toll. Hannes Wolf ist eine super Besetzung. Es ist total hilfreich, wenn solche Menschen da sind. Ich kenne auch den DFB-Präsidenten. Wir sind aber nicht näher auf ein gemeinsames Arbeiten eingegangen. Ich habe mich da auch nicht selbst angeboten. Ich hoffe einfach, dass beim DFB wieder Leute sind, mit denen sich die Menschen im Land identifizieren können."
... ob es ihn wieder reizt, an der Seitenlinie zu stehen: "Ich kann nicht sagen, dass es mich nicht mehr reizen würde. Ich habe während meiner Rolle als Experte bei der WM ganz, ganz viele Spiele studiert und viele Stunden Spiele analysiert. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht. Aber es gibt Dinge, die mir im Umgang mit den Trainern nicht gefallen. Thomas Tuchel macht mit den Engländern einen super Job. Dann kommt das Spiel gegen Argentinien und England verliert. Was dann losbricht, als ob die Welt untergegangen wäre, in England. Das ist völlig drüber. Und wenn Tuchel dieses Spiel gewonnen hätte und ins Finale eingezogen wäre, dann wäre er der größte Trainer aller Zeiten gewesen. Das kann doch nicht sein. Es ist nur noch Schwarz-Weiß."
"Was bei der FIFA abläuft, das ist hochgradig korrupt"
... über die FIFA und Gianni Infantino, der die WM an private Investoren verkaufen will: "Die zurückgenommene Rote Karte bei der WM von Infantino und Trump war ein Tabubruch. Man wundert sich darüber gar nicht mehr. Trump weiß, dass da Geld verdient werden kann. Er hat keine Ahnung vom Fußball. Er wusste gar nicht, was Abseits ist. Er weiß nichts. Und dann werden da solche Deals gemacht. Das ist brutal für den Fußball. Tür und Tor sind geöffnet. Was bei der FIFA abläuft, das ist hochgradig korrupt. Das sind einfach mafiöse Strukturen. Das weiß eigentlich jeder. Und dann muss es auch ausgesprochen werden. Das ist Mafia-Gehabe, was da abläuft. Da muss man sich mit allem wehren und da bin ich froh, dass Europa da dagegenhält. Für die Afrikaner ist das gewissermaßen Erpressung. Infantino erpresst diese Verbände. Das sind schlimme Strukturen. Da gibt es nur eins: raus aus der WM. Dann gibt es eben nur noch Europameisterschaften, wobei das natürlich sehr schade wäre. Ich glaube aber an das Gute und hoffe, dass es in die richtige Richtung geht."
... über den drohenden Boykott der UEFA: "Das ist der einzige Weg. Aleksander Ceferin macht das mit der UEFA echt gut. Ich hoffe, dass sie eine super Europameisterschaft ausrichten und dass sie den Leuten das Spiel zurückgeben."
... wie er die Bundesliga verfolgt: "Ich schaue die Spiele meistens alleine zu Hause vor dem Fernseher an. Ich schaue wahnsinnig gerne Fußball. Man schaut immer noch genau drauf, welcher Spieler macht was. Ich freue mich auf die kommende Bundesliga-Saison. Ich freue mich auf den SC. Freiburg hat inzwischen in Europa einen richtigen Namen - auch für junge Talente. Ich gehe davon aus, dass Freiburg wieder eine super Saison spielen wird."
... ob es noch Dinge gibt, die er auf seiner Bucket List hat: "So alt kann ich nicht werden. Da müsste ich 300 werden oder 800. Ich war an ganz vielen Orten noch nicht, ich habe so viele Sachen noch nicht gemacht. Ich mache jetzt eine Reise mit einem Freund mit dem Fahrrad. Das habe ich mir immer gewünscht. Wichtig ist auch arbeiten. Ich kann es gar nicht genießen, wenn ich nicht gearbeitet habe. Zu viel frei geht nicht. Ich hatte jetzt auch Einblicke in größere Firmen. Das ist alles sehr hilfreich und spannend."
Das Interview führte Fabian Schreiner.
Mehr zum Autor Fabian Schreiner
Alle weiteren wichtigen Nachrichten aus der Sportwelt gibt es im News Update nachzulesen.